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Peggy Szymenderski

Emotionen auf der Spur

Schwer verletzte Menschen, Entführungen, Überfälle – Polizeibedienstete sind in ihrem Berufsalltag oftmals mit existenziellen Situationen konfrontiert. Doch wie gehen die Ordnungshüter mit den Anforderungen und Gefahren ihres Berufes um? Dieser bisher kaum erforschten Frage ging die 34-jährige promovierte Diplom-Soziologin Peggy Szymenderski nach. Ihre Dissertation zur Gefühlswelt von Polizisten ist mittlerweile abgeschlossen und soll auch dabei helfen, die Arbeitsbedingungen für die Beamten zu verbessern.

Derzeit ist Peggy Szymenderski wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Qualitätsanalyse an der TU Dresden.

Foto: Peggy Szymenderski

Kein Verhör, sondern ein Interview, bei dem die Soziologin die Fragen stellt: Peggy Szymenderski geht den Emotionen von Polizisten auf den Grund.
(© Wolfgang Schmidt)

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Ursprünglich wollte ich Gefühle und emotionale Prozesse im Spannungsfeld Familie und Erwerbstätigkeit untersuchen. Mein Doktorvater in Chemnitz hat mir geraten, mich dabei auf eine bestimmte Berufsgruppe zu konzentrieren. Die Polizisten lagen dann recht nahe, da meine Eltern beide bei der Polizei sind. Dadurch hatte ich natürlich einen guten Zugang zum Thema.

Was ist das Spannende an dem Forschungsfeld?

Interessant ist vor allem die Problematik, dass Emotionen in der bürokratischen Organisation Polizei eigentlich wenig Platz haben. Trotzdem sind Gefühle in der täglichen Arbeit allgegenwärtig und Gefühlsarbeit ist unerlässlich. Dadurch sind konfliktträchtige Situationen natürlich vorprogrammiert.

Wie sind Sie bei Ihrer Untersuchung vorgegangen?

Zunächst hatte ich mein Vorhaben bei der Personalabteilung und bei der Gewerkschaft der Polizei vorgestellt, um freiwillige Teilnehmer für die Studie zu finden. Insgesamt meldeten sich 17 Frauen und 26 Männer, die ich zu ihrer Tätigkeit interviewt hatte. Dabei wollte ich wissen, welche emotionalen Anforderungen ihnen bei ihrer Arbeit begegnen, welche konkreten Situationen oder Erlebnisse sie als besonders belastend empfinden und ob sich berufliche Stimmungen auch auf das Privatleben der Befragten übertragen. Ziel der Untersuchung war es, Formen des Umgangs mit emotionalen Anforderungen bei der Polizeiarbeit herauszuarbeiten. Lassen sich dabei bestimmte Typen erkennen? Was sind Ursachen für Unterschiede in den Umgangsformen?

Zentrales Ergebnis der Untersuchung ist eine Typologie von Formen des Umgangs mit den emotionalen Anforderungen und Belastungen bei der Arbeit im Polizeidienst. Die genutzten Gefühlsarbeitspraktiken helfen den Polizeibediensteten, die konkreten Einsatzsituationen kurzfristig zu bewältigen und den Belastungen des Berufs langfristig standzuhalten. Verlagerer privatisieren beispielsweise die Bewältigung erlebter emotionaler Belastungen. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Empfindungen wird aus der konkreten Einsatzsituation hinaus und in den Privatbereich hinein verlagert. Abwehrer schotten sich dagegen durch beständiges Entwerten und Verharmlosen der dienstlichen Erlebnisse ab, indem sie mit zunehmender beruflicher Erfahrung eine individuelle Elefantenhaut akkumulieren. Oszillierer tarieren beständig zwischen den emotionalen Arbeitsanforderungen in der konkreten Einsatzsituation und der Notwendigkeit der Bearbeitung der eigenen Gefühle aus. Je nach situativem Erfordernis unterdrücken sie ihre Gefühle teilweise, lassen diese zum Teil aber auch zu. Stoiker setzen sich bereits vor einer konkreten Belastungssituation mit den potenziellen Belastungen auseinander. Somit werden Belastungssituationen zum Berufsrisiko, was das Wegstecken dieser erleichtert. Den diffus Reagierenden gelingt der Umgang mit den beruflichen Belastungen nicht. Sie finden keine geeignete Umgangsweise. Vielmehr verfestigen sich die erlebten negativen Gefühle. Vor dem Hintergrund der in dieser Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse ist zu schlussfolgern, dass polizeiliche Arbeit zwar vordergründig von bürokratischen Regeln und gesetzlichen Vorgaben bestimmt ist, die ein rationales und sachliches Handeln verlangen, doch erweist sich der meist unsichtbare Umgang mit Gefühlen als zentrale Anforderung und basale Ressource der Arbeit im Polizeidienst.

Welches Feedback haben Sie bisher bekommen?

Viele meiner Interviewpartner begrüßten es, dass sich endlich einmal jemand mit dem Thema Emotionen bei der Polizei befasst. Das war für die meisten auch der Grund, an der Studie teilzunehmen. Insgesamt, so lässt sich resümieren, gilt es, Gefühle bei der Arbeit im Polizeidienst aufzuwerten. Sie sind keine Schwäche, stattdessen kann der reflexive Umgang mit dem eigenen emotionalen Erleben die Polizeibediensteten in ihrer Leistungsfähigkeit, Berufsausübung und Gesunderhaltung stärken.

Stand: Mai 2013

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